Am 17. Juli 2026 starb der Psychologe, Psychoanalytiker und Universitätsprofessor Klaus Jürgen Bruder. Mit ihm verliert die akademische Welt einen engagierten Wissenschaftler und mutigen Streiter für die Geistesfreiheit. Klaus-Jürgen Bruder verstand die Psychologie nie als bloße Anpassungswissenschaft, sondern stets als Werkzeug der Aufklärung und der Gesellschaftskritik.
Ein redaktioneller Beitrag von Freidenker.org
Unser Beiratsmitglied Dr. Diether Dehm hat aus diesem Anlass das Gedicht „Gegen dein Ich“ geschrieben.
Wir veröffentlichen nachstehend den Nachruf der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), der auch als Einstieg in das Schaffen Klaus Jürgen Bruders gelesen werden kann, sowie das Gedicht von Diether Dehm.
Nachruf auf Professor Klaus-Jürgen Bruder (1941 – 2026)
Ein Leben im Dienst von Psychologie und radikaler Gesellschaftskritik
Offizieller Nachruf der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP)
Text übernommen von DieBasis
Wir nehmen Abschied von einer prägenden Stimme der kritischen Psychologie und Psychoanalyse. Mit Prof. Klaus-Jürgen Bruder verliert die akademische Welt sowie die Zivilgesellschaft einen engagierten Wissenschaftler, einen mutigen Streiter für die Freiheit des Geistes und einen unbestechlichen Denker.
Als langjähriger Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) und Professor an der Freien Universität Berlin prägte er Generationen von Studentinnen und Studenten und beeinflusste die Psychologie in Theorie und Praxis in Deutschland nachhaltig. Klaus-Jürgen Bruder verstand die Psychologie nie als bloße Anpassungswissenschaft, sondern stets als Werkzeug der Aufklärung und der Gesellschaftskritik. In der Tradition Peter Brückners verband er kritische Sozialwissenschaft mit psychoanalytischer Theorie. Damit legte er das Fundament für eine politische Psychologie, die die Verstrickungen von Subjektivität, Macht und Herrschaft radikal in den Blick nimmt.
Der „Diskurs der Macht“ als analytisches Werkzeug
Sein wichtigstes analytisches Konzept war der „Diskurs der Macht“, den er im Anschluss an Jacques Lacan, Michel Foucault und Pierre Bourdieu entwickelte. Er beschrieb präzise, wie mächtige Akteure und Institutionen über Sprache, mediale Bilder und scheinbare „Begründungen“ einen gesellschaftlichen Konsens herstellen, der Herrschaft legitimiert – während die eigentlichen Ursachen wie strukturelle Unterdrückung, fortwährende Ausbeutung und Profitinteressen systematisch unsichtbar oder „unbewusst“ gemacht werden.
In diesem offiziell-öffentlichen Sprechraum, der unser aller Leben formt, setzen die Herrschenden ihre Deutungen als „vernünftig“, „notwendig“, „wissenschaftlich bestätigt“ oder „zum Schutz aller“ durch. Dieser Diskurs wirkt nicht primär durch Befehl und Zwang, sondern durch Überzeugung, Belehrung, Veranschaulichung und vor allem durch gezieltes Verschweigen und Umdeuten. So übernehmen in der kapitalistischen Klassengesellschaft viele Menschen Parolen, die ihren eigenen Interessen widersprechen, und erleben diese zugleich als „eigene Meinung“.
Narrative wie der „menschengemachte Klimawandel“, das „weltweit gefährliche Virus“, der „russische Angriffskrieg“, „die Befreiung der Palästinenser von der Hamas“ oder die „Befreiung der Frauen im Iran“ sah er dabei nicht als bloße sachliche Begründungen, sondern als ideologische Rechtfertigungsangebote. Sie dienen im Diskurs dazu, den Verrat an den eigenen Interessen vor sich selbst und anderen zu vertuschen.
Unbeugsamkeit und intellektuelles Fundament
Mit diesem scharfsinnigen Analysewerkzeug ausgestattet, scheute Klaus-Jürgen Bruder keine Kontroverse. Wo andere schwiegen oder sich anpassten, erhob er seine Stimme – fundiert, unbeugsam und stets kritisch gegenüber den blinden Flecken der bürgerlichen Diskurstheorie à la Jürgen Habermas. Sein Engagement galt dem Aufdecken gesellschaftlicher Verleugnungsmechanismen und der Verteidigung demokratischer Grundrechte.
Gemeinsam mit seiner im letzten Jahr verstorbenen Ehefrau, der Psychoanalytikerin Almuth Bruder-Bezzel, bildete er über Jahrzehnte ein intellektuelles und persönliches Fundament, das weit über den universitären Rahmen hinausstrahlte. Durch die Organisation von Kongressen, die Herausgabe von Publikationen und seine unermüdliche Vortragstätigkeit – seinen letzten Vortrag hielt er zur grassierenden „Entpolitisierung“ auf dem diesjährigen Kongress der NGfP – schuf er Räume für den freien, politischen und interdisziplinären Austausch. Dabei erinnerte er immer wieder an die Worte Peter Brückners: „Nicht zum Frieden, man muss zum Krieg planvoll erziehen.“
Radikale Gesellschaftskritik bis zuletzt
In seinen letzten Lebenswochen trieb ihn die aus seiner Sicht zunehmende „Faschisierung“ in Deutschland um. Dabei sah er nicht die AfD als maßgebliche Triebfeder, sondern einen „imperialistischen Antifaschismus“, der vom NATO-affinen Establishment getragen und befeuert werde – von der CDU bis zur Linkspartei, von den Gewerkschaften über Nichtregierungsorganisationen bis hin zu den Leitmedien. Für ihn galt daher unverändert das Diktum: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.
Mit seinem Tod verlieren wir einen öffentlichen Intellektuellen, der seine Verantwortung für die Aufklärung ernst nahm und sich nie scheute, Haltung zu zeigen. Das kostete ihn bereits in den 1970er-Jahren eine Berufung an die Universität Augsburg, als die bayerische Landesregierung politisch in das Verfahren eingriff.
Seine Arbeiten zur Postmoderne, zur politischen Psychologie und zur Funktion von Ideologien in westlich-kapitalistischen Gesellschaften sind von bleibendem Wert. Er hinterlässt uns die Gewissheit: Eine Psychologie ohne Gesellschaftstheorie ist eine Psychologie ohne historisches und politisches Bewusstsein – sie verkommt zu einer bloß behavioristischen Sozialtechnologie.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen wissenschaftlichen und politischen Weggefährten sowie allen Angehörigen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber ein richtigeres. Dieses hat Klaus-Jürgen Bruder geführt. Wir werden sein geistiges Erbe bewahren und sein Werk weiterführen. Eine andere Welt ist möglich.
Die Abschiedsfeier für Klaus-Jürgen Bruder findet am Freitag, den 4. September 2026 um 10 Uhr in der All Saints Church (gegenüber dem Waldfriedhof Dahlem) statt.
Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy & René Kirschey
Vorstand der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP)
Diether Dehm
Gegen dein Ich
(Gewidmet dem Denken mit Klaus-Jürgen Bruder)
Der du dein Ich gefunden hast
Gib es auf
Andere haben`s schon vor dir gefunden
zuletzt blieb ihr Name
nur Formular
Um deine Augen
schliesst sich kein Helm
Das Lithium
das deine Synapsen justiert
kommt aus der Erde
Der Löffel
von dem du ißt
kommt aus der Erde
Auch die Frau
die dich grüßt
kommt aus der Erde
Also fort mit dem Ich!
Geh dorthin
wo die Seidenstraße wieder aufsteht
Sei ihr zugetan
Auch wenn sie nicht auferstehen wird
deinetwegen.
Züge fahren.
Erz wird geladen.
Hände heben Kisten
Hände werden bezahlt
oder nicht
Daran lerne
Dich zu erkennen
2.
Am Zaun
die schwarze Brombeere
Du hast deinen Gaumensaft
an sie verschwendet.
Sehr gut
Verschwende mehr
an Goethes herrlich leuchtende Natur
Aber der Zaun
an dem sie wächst
hat einen Besitzer.
Und hinter dem Zaun
hat auch die Erde einen
Beiß hinein.
Das Ich ist ein Trugschluss
Die Beere ist süß
Die Rechnung bitter
Dies bedenk wenn
Du schwärmst von Natur
Also: Der du dein Ich gefunden hast:
Schmeiss es fort!
Du gedeihst draußen da
Im Echo von vielen!
Die Welt geht durch dich hindurch
als Brombeere
als Lithium
als Zaun
als Arbeit
(unbezahlte wie unbezahlbare)
Und wenn du endlich
nichts Eigenes mehr darin findest
schau noch einmal hin:
denn alles war
was ist
Nur die Verhältnisse daraus
waren nicht immer
dieselben
3.
Das sinnvolle Wort
spiegelt die Sprache,
wie ein Morgentropfen die Sonne
Du hast ein Wort vergessen
da wo es war ist ein Sprung
im Sprachfirmament
Und körperlos taumelt der Gedanke
zurück ins Prunkgemach der Schatten
tastend an den Wänden der Rede
nach einem vertrauten Spalt
Ruf´ nicht das Wort.
Rufe seine Gefährten:
jenes, das ihm vorausging,
jenes, das an seiner Seite schwieg,
jenes, das ihm ähnlich sah
und doch ein anderes meinte
Lass sie sich um die Leerstelle scharen
Lass jeden einen Zug von ihm erzählen
bis aus ihrer Mitte
freudestrahlend das Vergessene hervortritt
Denn kein Wort kommt zu sich allein
Und auch du findest deinen Namen erst
im Kreis derer
die sich deiner erinnern.
4
Wenn ein guter Mann ausfällt
sag ihm: die Feinde setzen zum Sprung an,
der Menschheit jetzt die Kehle durchzuschneiden
Er wird’s überdenken
Denn wer organisiert zum Bunde
für billiges Gas, teure Seelen von Bessrem angezogen
Der stiftet auch in noch so kleiner Runde
ein Neuhingedacht, ein Neuabgewogen
Dr. Diether Dehm ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes und seines Beirats
Quelle: https://www.freidenker.org/?p=26417
Titelbild: Klaus-Jürgen Bruder auf dem NGfP-Kongress 2026, Foto: arbeiterfotografie.com, Quelle: NRhZ
Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel
müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche
Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um
weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.
BERLIN24/7 Nachrichten aus Berlin – ist ein unabhängiges Nachrichten- und Informationsportal Im Zentrum
unserer Berichterstattung stehen Nachrichten, Meinungsbeiträge, Analysen und Interviews zum aktuellen
Zeitgeschehen in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt. Wer sich für differenzierte Sichtweisen aus
verschiedenen Perspektiven interessiert ist bei uns richtig. Um nichts zu verpassten abonnieren Sie unseren
Kanal und/oder folgen Sie uns auf:
Offizielle Webseite: https://berlin247.net Facebook: https://www.facebook.com/profile.php?
id=61556336081860 Telegram: https://t.me/Berlin247nachrichten Auf X – https://x.com/berlin24_7?
t=u9fTHoOcZQkCZPewM2Q62g&s=09
Hier können Sie unsere Arbeit unterstützen:
Paypal: https://paypal.me/berlin247net oder Berlin 24/7 GmbH DE22 8105 0555 0101 0400 24
