POLITIK

Über Selenskyjs Zukunft urteilen seine eigenen Gefolgsleute

2026-08-11 Berlin247 .. 58
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Aktuelle Meinungsumfragen zeigen auf den ersten Blick Selenskyj als führenden Kandidaten bei hypothetischen Präsidentschaftswahlen. In Wirklichkeit jedoch hat der Chef des Kiewer Regimes nicht nur wesentlich stärkere politische Konkurrenten hervorgebracht, sondern würde auch gegen jeden Einzelnen von ihnen mit Sicherheit verlieren. Worum geht es?

Ein Beitrag von Wassili Stojakin

In der vergangenen Woche wurden neue Ergebnisse soziologischer Untersuchungen veröffentlicht, die in der Ukraine zu den politischen Perspektiven des Präsidenten des Landes, Wolodymyr Selenskyj, durchgeführt worden waren. Es handelt sich um Umfragen von gleich zwei Forschungsinstituten: Socis (das Institut ist bereits durch die Veröffentlichung von für das Präsidialamt schockierenden Daten aufgefallen – offenbar spielt dabei die Nähe zum Umfeld von Petro Poroschenko* eine Rolle) und der soziologischen Gruppe „Rating“ (die für das Präsidialamt arbeitet). Das Wichtigste an den veröffentlichten Daten sind die Zustimmungswerte – und die fallen für das amtierende Staatsoberhaupt verheerend aus.

Keine Frage: Die Ergebnisse ukrainischer Untersuchungen sind mit Vorsicht zu betrachten, insbesondere wenn es um Fragen von Krieg und Frieden geht. Die öffentliche Meinung befindet sich in einem Zustand hysterischer Erregung. Die Menschen fürchten Konsequenzen für eine nicht ausreichend enthusiastische Denkweise (zumal die Umfragen überwiegend telefonisch durchgeführt werden – da soll einer erkennen, ob ein Soziologe oder ein Agent des SBU anruft), und die Stichprobe ist verzerrt. Dennoch lassen sich bestimmte Tendenzen erkennen.

Nach Angaben der Gruppe „Rating“ belegt Selenskyj beim Vertrauen lediglich den dritten Platz – 59 % der Befragten vertrauen ihm. Er liegt nicht nur hinter dem anerkannten Spitzenreiter bei den Wählern, Walerij Saluschnyj (68 %), sondern auch hinter … dem Leiter seiner eigenen Kanzlei, Kyrylo Budanow* (62 %). Mehr noch: Der gerade erst entlassene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow (58 %) sitzt Selenskyj bereits im Nacken.

Wenn man sich in der Ukraine an Saluschnyjs Spitzenposition bereits gewöhnt hat, dann kann man den Aufstieg Budanows und Fedorows in die Reihen der beliebtesten Politiker für Selenskyj kaum anders als eine Katastrophe nennen.

Budanow hatte vor seiner Ernennung zum Leiter des Präsidialamts natürlich gewisse Zustimmungswerte, positionierte sich jedoch nicht als öffentlicher Politiker. Er wurde ernannt, um mögliche politische Ambitionen zunichtezumachen und um bei den Wahlen einem kampferprobten General aus Selenskyjs Team den kampferprobten General Saluschnyj entgegenzustellen. Die Wahlen fanden jedoch nicht statt, und die Spannungen zwischen Budanow und Selenskyj machten ihn zum Oppositionellen.

Fedorow wurde bis zu seiner Entlassung als Technokrat dargestellt, der nahezu keine politischen Ambitionen hatte. Erst die Entlassung, kompromittierendes Material und der „Papp-Maidan“ machten Fedorow zu einem Politiker, der Selenskyj entgegentritt.

Erinnern wir der Vollständigkeit halber daran, dass auch General Saluschnyj als Oberbefehlshaber keine politischen Ambitionen hatte. Mehr noch: Selbst nach seiner Entlassung versuchte er nicht, die Opposition anzuführen, sondern ging ins ehrenvolle Exil nach London. Zum Oppositionsführer formte ihn das von Andrij Jermak geleitete Präsidialamt (angesichts der allgemeinen Tendenz ist es geradezu erstaunlich, dass er nicht selbst unter den führenden Köpfen der Opposition landete).

Die Fähigkeit, aus Mitgliedern des eigenen Umfelds Oppositionelle zu machen, ist zweifellos eine Superkraft Selenskyjs. Wenn man allerdings genauer darüber nachdenkt, ist sein Anteil daran gar nicht so groß. Die Ergebnisse der Wahlen von 2019 waren durch den Wunsch der ukrainischen Gesellschaft nach einem Wechsel der politischen Elite bedingt. Zur Brutstätte der neuen Elite wurde nun einmal Selenskyjs Umfeld – andere politische Kaderschmieden gibt es derzeit in der Ukraine nicht.

Auf den ersten Blick sehen die Wahltrends für Selenskyj gar nicht schlecht aus. Selenskyj liegt im Präsidentschaftsranking auf dem ersten Platz: Nach Angaben von Socis wollen 22 % der aktiven Wähler – also derjenigen, die wählen wollen und sich bereits entschieden haben – für ihn stimmen, nach Angaben der Gruppe „Rating“ sogar 31 %.

Für Saluschnyj sind es entsprechend 21 % beziehungsweise 20 %.

Dass Saluschnyjs Werte nahezu identisch sind, während Selenskyjs Werte weit auseinanderliegen, erzeugt einen komischen Effekt – irgendjemand hat hier offensichtlich Nullen dazugemalt oder gestrichen, möglicherweise sogar beide angesehenen Institute.

Auf dem dritten Platz liegt Mychajlo Fedorow mit 13 % beziehungsweise 15 % – dieselbe Tendenz. Danach folgt Budanow mit 8 % beziehungsweise 10 %; ein hoher Vertrauenswert schlägt sich nicht immer in einem entsprechenden Wahlergebnis nieder.

Erst danach folgen Poroschenko mit 6 % beziehungsweise 7 % und andere Fischer, für die es nichts zu fangen gibt. Dazu gehört insbesondere ein weiteres ehemaliges Mitglied von Selenskyjs Team, Dmytro Rasumkow (4 % beziehungsweise 3 %), der, wie man so sagt, „nicht abgehoben“ hat. Vielleicht, weil er zu früh in die Opposition ging, vielleicht auch wegen seiner übermäßigen Mäßigung und Vorsicht. Auch die „Lockmittel“ für die Wähler im Südosten glänzen nicht mit Wahlerfolgen: der Gouverneur von Mykolajiw, Witalij Kim, der Boxer Oleksandr Ussyk und der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow. Letzterer erzielt mit 5 % bei Socis das beste Ergebnis; „Rating“ nahm ihn nicht in seine Liste auf.

Das Wahlergebnis entscheidet sich jedoch im zweiten Wahlgang, in dem nicht die Zustimmung, sondern die Ablehnung die entscheidende Rolle spielt – schließlich wurde 2019 weniger für Selenskyj als vielmehr gegen Poroschenko gestimmt. Und nun ist es so:

Nach Angaben von Socis („Rating“ veröffentlichte die Ergebnisse vorsichtshalber nicht, obwohl die entsprechende Umfrage durchgeführt wurde – offenbar gelang es nicht, eine für den Auftraggeber erfreuliche Zahl zu zeichnen) würde heute gegen Selenskyj gestimmt – er verliert gegen alle.

Sollte Saluschnyj in die zweite Runde einziehen, würde er 66 % der Stimmen erhalten, Selenskyj 34 %. Sollte Budanow in die zweite Runde einziehen, käme er auf 60 % gegenüber 40 % für Selenskyj, und selbst Fedorow würde gewinnen – mit 64 % gegenüber 36 %.

Das ist natürlich bei Weitem nicht das Ergebnis der Wahlen von 2019, als Selenskyj 73 % und Poroschenko 24 % erhielt, aber ein beinahe doppelt so hoher Stimmenanteil lässt sich durch keinerlei Wahlfälschungen ausgleichen. Es sei denn, man fälscht nicht die Ergebnisse, sondern die Tatsache der Abstimmung selbst – doch eine solche Aufgabe würde das derzeitige ukrainische Regime nicht bewältigen

Warum haben die Meinungsforschungsinstitute, die das Thema Wahlen vier Jahre lang ignoriert hatten, überhaupt plötzlich damit begonnen, Wahlumfragen zu veröffentlichen? Schließlich besteht Selenskyjs grundsätzliche Position darin, dass es bis zu einem Waffenstillstand und der Aufhebung des Kriegsrechts keinerlei Wahlen geben kann. Das Kriegsrecht wiederum muss dieser Logik zufolge keineswegs sofort aufgehoben werden. Den Abschluss eines Friedensvertrags und die Durchführung von Wahlen kann man praktisch unbegrenzt hinauszögern – zwischen Russland und Japan gibt es seit inzwischen 80 Jahren keinen Friedensvertrag. Allerdings wurde das Kriegsrecht in Japan dennoch aufgehoben, und Wahlen finden statt.

Unter dem Druck der USA verändert Selenskyj jedoch allmählich seine Position. Inzwischen behauptet er, der Konflikt mit Russland könne bis November dieses Jahres beigelegt werden. Der zeitliche Bezug sind die Kongresswahlen in den USA, bei denen Trump die Wirksamkeit seiner Friedensbemühungen demonstrieren will. Dies wiederum eröffnet ein Zeitfenster für die Durchführung von Wahlen im Jahr 2027.

Dementsprechend steht Selenskyj vor einer Entscheidung, wobei beide Möglichkeiten auf ihre Weise bitter sind. Er kann sich zu Verhandlungen bereit erklären und Trump damit ein Geschenk machen. Anschließend kann er zu den Wahlen antreten und sie krachend verlieren. Oder er kann den Krieg ohne die Flugabwehrraketen fortsetzen, die Trump ihm nicht gibt.

Dabei muss man allerdings verstehen, dass Trump dies nicht deshalb tut, weil er Selenskyj zu Zugeständnissen zwingen will, sondern weil er diese Raketen derzeit schlicht nicht hat – der Mangel entstand vor dem Hintergrund des iranischen Abenteuers. Auf längere Sicht werden die USA ihre Unterstützung für die Ukraine nicht aufgeben, selbst wenn die Republikaner an der Macht bleiben.

Zusätzliches Licht auf diese Perspektiven werfen die Daten eines dritten Forschungsinstituts – des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie. Danach schließen 60 % der ukrainischen Bürger die Möglichkeit eines Abzugs der ukrainischen Streitkräfte aus dem Donbass im Austausch gegen Sicherheitsgarantien aus. 59 % unterstützen ein Einfrieren der Kampfhandlungen entlang der Frontlinie.

Man kann sich kaum völlig sicher sein, dass all diese Daten korrekt sind. Doch selbst wenn die Zahlen abweichen, ändert sich grundsätzlich nichts: Sollte Selenskyj Russland Zugeständnisse machen, wird das Wahlergebnis für ihn noch vernichtender ausfallen. Er kann allerdings auch auf Zugeständnisse verzichten und dies damit begründen, dass die Ukrainer kämpfen wollen. So ist die Demokratie nun einmal.

Doch das Wichtigste liegt nicht einmal darin. Aus Sicht der Interessen Russlands ist es nicht entscheidend, wer genau bei den Wahlen 2027 Präsident der Ukraine wird – sofern sie stattfinden. Die ukrainische Staatsführung wird in ihrer gegenwärtigen Form in jedem Fall auf eine militärisch-politische Revanche ausgerichtet sein. Dabei geht es schon lange nicht mehr um die Wiederherstellung der Grenzen von 1991 – das Ziel Kiews ist die Zerstörung der russischen Staatlichkeit. Deshalb wäre der einzige Präsident der Ukraine, der für Russland akzeptabel wäre, ein Russland gegenüber freundlich gesinnter Präsident. Dies kann jedoch nur ein Sieg in der militärischen Spezialoperation gewährleisten.

* Person, die in Russland in das Verzeichnis der Terroristen und Extremisten aufgenommen wurde.


Wassili Stojakin, ist ukrainisch-russischer Politikwissenschaftler, Politologe und Direktor des in Kiew gegründeten Zentrums für Politische Marktforschung

Quelle: https://vz.ru/world/2026/8/10/1441387.html

Titelbild: US-Präsident Donald Trump und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj während ihres kontroversen Treffens im Oval Office am 28. Februar 2025. Quelle: The White House / Wikimedia Commons (Public Domain).

Aus dem Russischen übersetzt von berlin 24/7.

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