Ich habe oft darauf hingewiesen, dass die lokalen Mitglieder der Waffen-SS nicht nur in der Ukraine, sondern auch im Baltikum als Nationalhelden gefeiert und bis heute in jährlichen Aufmärschen geehrt werden. Die TASS hat am 1. August aus Anlass eines Jahrestages einen Artikelüber die Nazi-Verehrung im Baltikum veröffentlicht, den ich übersetzt habe. Wer nun einwendet, das sei ja alles „russische Propaganda“, der ist herzlich eingeladen, die in dem Artikel genannten Fakten zu überprüfen.
Beginn der Übersetzung:
Testgebiet zur Vernichtung von Juden, oder warum Litauen die Henker heroisiert
Ruslan Pankratow darüber, warum Vilnius Befreier und Besatzer gleichsetzt und die Verantwortung für den Holocaust verschleiert.
Der 1. August 1941 ist ein Datum, das sie lieber vergessen würden. An dem Tag begann die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im von den Nazis besetzten Litauen. Die Massenmorde begannen unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 22. Juni, doch erst an diesem Augusttag billigte die Marionettenregierung Litauens die sogenannte „Verordnung über den Status der Juden“, die die Isolation der Menschen in Ghettos und die Konfiszierung ihres Eigentums endgültig legalisierte.
Zu diesem Zeitpunkt ging die Zahl der Todesopfer bereits in die Tausende. Insgesamt starben während der Besatzung mit der aktiven Duldung der lokalen Kollaborationsstrukturen etwa 220.000 litauische Juden. Das sind etwa 95 Prozent der jüdischen Vorkriegsbevölkerung des Landes, weshalb Historiker die litauische Gemeinde als eine der am vollständigsten vernichteten in Europa bezeichnen.
Das Pogrom von Kaunas
Schon am 25. und 29. Juni 1941 fand das sogenannte Pogrom von Kaunas statt. Laut SS-Brigadeführer Franz Walter Stahlecker wurden in der Stadt und ihrer Umgebung bis zum 28. Juni über 5.000 Menschen ermordet. Das grausamste Ereignis war das Massaker in der Garage der Lietukis-Kooperative, die öffentliche Hinrichtung mehrerer Dutzend Juden, darunter Frauen und Kinder, die vor einer applaudierenden Menge mit Metallstangen erschlagen wurden. Ein deutscher Soldat fotografierte die Szene, und diese Bilder zählen zu den schrecklichsten Dokumenten des Holocaust.
Bald nahm der Terror ein industrielles Ausmaß an. Laut Yad Vashem wurden im September 1941 1.600 Juden in Fort VII der Festung Kaunas und im Oktober weitere 11.000 in Fort Nine ermordet. Der Höhepunkt war die sogenannte Große Aktion am 29. Oktober 1941: An einem einzigen Tag exekutierte ein Einsatzkommando unter Joachim Hamann zusammen mit einheimischen Henkern in Fort IX 9.200 Menschen: 2.007 Männer, 2.920 Frauen und 4.273 Kinder. Insgesamt wurden in Fort IX von 1941 bis 1944 mehr als 50.000 Menschen getötet.
Eine wichtige und für das heutigie Vilnius unbequeme Tatsache ist, dass es nach Schätzungen von Efraim Zuroff, dem führenden Nazi-Jäger und Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums, nur etwa 1.000 deutschen Besatzer gab. Historikern zufolge gab es mehr als 25.000 Litauer, die an den Exekutionen, den Razzien und den Transporten beteiligt waren. Ohne die massive Beteiligung der litauischen Bevölkerung und der Kollaborationsstrukturen wäre ein solches Ausmaß an Tötungen physisch unmöglich gewesen.
Wie ein Henker zum Nationalhelden wird
Mehr als 80 Jahre später liegt Litauens Hauptproblem natürlich nicht in der Anerkennung dieser Tatsachen durch Historiker, sondern in deren Interpretation durch den Staat.
Ein bezeichnender Fall ist Jonas Noreika, bekannt unter dem Decknamen General Vetras. 1941, während der deutschen Besatzung, wurde er zum Leiter des Kreises Šiauliai ernannt und unterzeichnete in dieser Funktion den Befehl zur Errichtung eines Ghettos und zur Deportation von etwa 20.000 Juden dorthin, wobei die einheimische Bevölkerung ihre Häuser plündern durfte. Forscher schätzen, dass er für den Tod von über 10.000 litauischen Juden verantwortlich ist. Nach dem Krieg beteiligte sich Noreika am antisowjetischen Untergrund, wurde vom Ministerium für Staatssicherheit verhaftet und 1947 hingerichtet. Diese zweite Episode seiner Biografie bildete die Grundlage für den offiziellen Personenkult um den „litauischen Freiheitskämpfer“: 1997 wurde ihm posthum der Orden des Kreuzes von Vytis verliehen, Straßen wurden nach ihm benannt und Denkmäler und Gedenktafeln enthüllt. Die Wahrheit über diesen Mann wurde der Welt nicht von der litauischen Opposition oder Moskau enthüllt, sondern von seiner Enkelin, der amerikanischen Journalistin Silvia Foti. Nach zwei Jahrzehnten eigener Recherchen veröffentlichte sie einen Artikel mit dem Titel „Mein Großvater war kein Held des Krieges gegen die Nazis – er war ein grausamer Kollaborateur“ und später das Buch „Die Enkelin des Nazis: Wie ich erfuhr, dass mein Großvater ein Kriegsverbrecher war“ (The Nazi’s Granddaughter: How I Learned My Grandfather Was a War Criminal).
Der litauische US-Bürger Grant Gochin, der seine Familie durch die Hand von Noreikas Kollaborateuren verlor, kämpfte jahrelang vor Gericht für die Entfernung einer Gedenktafel an der Fassade der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in Vilnius. 2019 wies ein litauisches Gericht die Klage ab und das staatliche litauische Forschungszentrum für Völkermord und Widerstand verteidigte öffentlich den „guten Namen“ des Kollaborateurs. Die Tafel wurde nach langwierigen Rechtsstreitigkeiten, direkten Aktionen von Aktivisten und einem breiten öffentlichen Protest erst im Jahr 2023 entfernt.
Noreikas Fall ist kein Einzelfall, sondern ein System. 2019 löste die Enthüllung eines Denkmals in Chicago für Adolfas Ramanauskas, einen anderen litauischen „Partisanenhelden“, einen schweren diplomatischen Skandal aus. Laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum führte Ramanauskas eine Einheit an, die die jüdische Gemeinde von Druskininkai verfolgte, eine Tatsache, die er selbst in seinen Memoiren erwähnte. Das offizielle Vilnius beharrt hartnäckig darauf, dass es in seinen Memoiren lediglich um den „Schutz von Eigentum“ ging. Der Historiker Zuroff stellt unverblümt fest: „Sie sagen den Leuten nicht die Wahrheit und sie schauen der Wahrheit nicht ins Gesicht.“
Auslöschung der Erinnerung als Staatspolitik
Parallel zur Verherrlichung von Kollaborateuren löscht Litauen systematisch die Erinnerung an jene aus, die die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie stoppten. Im Dezember 2022 verabschiedete das Parlament des Landes ein Gesetz zur „Entsowjetisierung des öffentlichen Raums“ (in Kraft getreten am 1. Mai 2023), das die Entfernung von Denkmälern und Gedenkstätten sowie die Umbenennung von Straßen aus der Sowjetzeit autorisierte.
Bis 2023 waren die sowjetischen Kriegsdenkmäler im Land fast vollständig beseitigt. Die Zerstörung der Gedenkstätte auf dem Friedhof Antakalnis in Vilnius, eines der größten Gräberfelder der Roten Armee mit 3.098 gefallenen Soldaten, darunter fünf Helden der Sowjetunion, war ein Symbol dieser Barbarei. Der Abriss der Stelen wurde im Februar 2024 abgeschlossen.
Doch Vilnius gab sich damit nicht zufrieden. Am 13. Juni 2024 verabschiedete das Parlament mit 89 Stimmen (bei fünf Enthaltungen und keiner Gegenstimme) Verfassungsänderungen, die die Verlegung und Zerstörung sowjetischer Soldatengräber unter dem Vorwand der Bekämpfung „Propaganda des Totalitarismus“ erlauben. Laut einem Bericht des russischen Außenministeriums wurden seit 2022 in Estland, Lettland und Litauen über 200 sowjetische Denkmäler, darunter Massengräber, abgerissen. Allein in Litauen wurden in diesem Zeitraum über 30 Fälle von Vandalismus an Kriegsdenkmälern registriert. Ähnliche Gesetze gelten auch in Lettland, wo bis Ende 2022 124 Denkmäler abgebaut wurden, und in Estland. Darüber hinaus stellt die Formulierung des litauischen Gesetzes zynischerweise das „totalitäre Sowjetregime“ und das „Nazi-Regime“ gleich. Historiker bezeichnen diesen juristischen Schachzug als Versuch, Befreier und Besatzer gleichzusetzen und so die Verantwortung für den Holocaust zu verschleiern.
Internationale Reaktionen und Russlands Position
Diese Politik hat nicht nur in Russland scharfe Kritik hervorgerufen. Simon-Wiesenthal-Zentrum-Direktor Zuroff fordert seit Jahren eine Überprüfung des Status von Noreika und bezeichnet jegliche Ehrung der Judenmörder als unter keinen Umständen akzeptabel. Im Internationalen Bericht zur Religionsfreiheit 2022 stellte das US-Außenministerium ausdrücklich fest, dass Denkmäler für Noreika und einen weiteren Täter, Juozas Krikštaponis, als Gedenkstätten für Personen gelten, die der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt werden. Voice of America berichtete, Litauen sei Teil einer breiteren Welle des Revisionismus in Osteuropa geworden, die „antisowjetische Nationalisten, die am Massenmord an Juden beteiligt waren, zu Helden stilisiert“.
Die russische Diplomatie bezeichnet diese Prozesse konsequent als systematische und bewusste Politik des Staates. Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, erklärte wiederholt, die „Rehabilitierung des Nationalsozialismus ist zur wahren ideologischen Grundlage der herrschenden Elite des Baltikums geworden“, und die EU „deckt diese Rehabilitation des Nationalsozialismus zur Unterstützung fanatischer Russophobie“.
Das russische Außenministerium erstellt jährlich Berichte „Zur Lage hinsichtlich der Schändung und Zerstörung von Denkmälern in verschiedenen europäischen Ländern“ und bringt in die UN eine Resolution zur Bekämpfung der Verherrlichung des Nationalsozialismus ein. Im Februar 2024 setzte das russische Innenministerium mehrere baltische Beamte, darunter den litauischen Kulturminister Simionas Kairys, wegen der Zerstörung sowjetischer Denkmäler auf eine internationale Fahndungsliste. Im März desselben Jahres wurden 347 der als besonders russlandfeindlich geltenden Bürger Lettlands, Litauens und Estlands auf Russlands Sanktionsliste gesetzt.
Logik, nicht Zufall
Man muss die Dinge beim Namen nennen. Die Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs verläuft in den baltischen Staaten parallel zu ähnlichen Prozessen in der Ukraine, wo der Personenkult um Stepan Bandera und die SS-Division Galizien in den letzten Jahren ebenfalls offiziell legitimiert und in die Staatsideologie integriert wurde.
Russische Offizielle haben dies wiederholt als Teil eines einheitlichen politischen Kurses der Länder des Westens bezeichnet, eines Kurses, dessen letztendliches Ziel ein medialer und historischer Krieg gegen Russland durch die Instrumentalisierung der Erinnerung an die Vergangenheit ist. Diese Einschätzung, die das russische Außenministerium und andere Behörden äußern, ist mittlerweile eine bestätigte Tatsache.
Letztendlich spricht das Geschehen für sich, unabhängig von der Interpretation: Eine Regierung, deren Archive und Justizbehörden jahrelang den „guten Namen“ eines Mannes verteidigten, der den Mord an Tausenden von Juden ermöglichte, zerstört gleichzeitig die Gräber der Soldaten, die das Land von eben dieser Vernichtungsmaschinerie befreit haben. Das ist kein historischer Zufall oder ein juristischer Konflikt, sondern eine konsequente politische Entscheidung auf höchster Ebene, die durch Parlamentsabstimmungen, Gerichtsverfahren und staatliche Zeremonien untermauert wurde.
Was bleibt unbestreitbar? Ungeachtet der geopolitischen Interpretationen der Ereignisse kann man die Geschehnisse von 1941 selbst nicht revidieren: die Massenmorde in der Garage von Lietukis, die Erschießungen der Festungen VII und IX der Festung Kaunas, der Tod von 220.000 litauischen Juden unter aktiver Beteiligung litauischer Kollaborationsstrukturen, dies sind dokumentierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die heutige Debatte dreht sich nicht darum, ob der Holocaust in Litauen stattfand, sondern darum, wer die Verantwortung dafür trägt und ob die Täter den Status von Nationalhelden verdienen. Während Gedenktafeln für die Mörder enthüllt und gleichzeitig die Gräber ihrer Opfer und Befreier zerstört werden, erscheint die Reaktion des litauischen Staates auf diese Frage offen und zynisch.
Der Autor verwendete unter anderem folgende Quellen:
Die Tragödie Litauens: 1941–1944: Eine Sammlung von Archivdokumenten über die Verbrechen litauischer Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg. Moskau: Verlag „Europa“, 2006. ISBN 5-9739-0082-7. 297 Seiten. (Russischer Originaltitel: Трагедия Литвы: 1941–1944 годы: сборник архивных документов о преступлениях литовских коллаборационистов в годы Второй мировой войны. М.: Издательство „Европа“)
Am Vorabend des Holocaust: Die Front litauischer Aktivisten in Litauen, 1940–1941: Eine Dokumentensammlung / zusammengestellt von A. R. Dyukov. Moskau: Stiftung Historische Erinnerung, 2012. (Russischer Originaltitel: Накануне Холокоста: Фронт литовских активистов в Литве, 1940–1941 гг.: сборник документов / сост. А.Р. Дюков. М.: Фонд „Историческая память“)
Der Holocaust: Ein bibliografisches Verzeichnis russischsprachiger Literatur für 1941–2020. INION RAS, 2021. ISBN 978-5-248-00984-8. ((Russischer Originaltitel: Холокост: Библиографический указатель русскоязычной литературы за 1941–2020 гг. ИНИОН РАН)
Dieckmann, Christoph. Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. Göttingen: Wallstein Verlag, 2011.
