Kiew hat bekanntlich einen akuten Mangel an Luftabwehr und die Europäer wollen Kiew helfen. Weniger bekannt ist, dass Griechenland noch immer große Reserven an Luftabwehr hat, sich aber trotz wachsendem Druck aus Brüssel weigert, sie an Kiew zu liefern. Warum stellt Athen sich quer?
Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten verfügt Griechenland immer noch über sehr große Reserven an Patriot-Luftabwehrraketen, die Kiew so dringend braucht, während die anderen EU-Staaten ihre Patriotraketen schon weitgehend an die Ukraine übergeben haben. Angesichts des akuten Mangels der Ukraine an Luftabwehr wächst nun der Druck aus Brüssel auf Griechenland, der Ukraine seine Raketen zu liefern, aber Athen weigert sich. Über die Gründe dafür ist in der TASS ein Artikel erschienen, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Der Druck der NATO und die türkische Bedrohung: Warum Griechenland Angst hat, seine Luftverteidigungssysteme an Kiew abzugeben
Wladimir Prochorow darüber, wie Athen die Erfüllung seiner Bündnisverpflichtungen, die Gewährleistung der nationalen Sicherheit und der Wählergunst vor den Wahlen in Einklang bringen muss.
Im Juli berichteten griechische Medien vermehrt darüber, dass die NATO und die EU den Druck auf Athen erhöhen. Sie fordern von Griechenland, der Ukraine einen Teil seiner Patriot-Luftverteidigungssysteme und sein beeindruckendes Arsenal von bis zu 200 PAC-2-Raketen zu geben. Kyriakos Velopoulos, Vorsitzender der Oppositionspartei „Griechische Lösung“, rief die Regierung unterdessen dazu auf, diesen Schritt nicht zu machen.
Welche Chancen hat Athen in diesem Konflikt? Ist die griechische Regierung bereit, aus Solidarität mit Kiew ihre eigene Luftverteidigung zu opfern? Und welchen weiteren Risiken könnte sie ausgesetzt sein, wenn sie dem Beispiel ihrer transatlantischen Verbündeten folgt?
Der außenpolitische Faktor und der Preis der nationalen Sicherheit
Vom Beginn der Militäroperation an ist Griechenland bedingungslos dem transatlantischen Kurs gefolgt. Das Land verfolgt eine pro-ukrainische Haltung und ist der sogenannten Koalition der Willigen außerhalb der NATO und der EU zur Koordination der direkten Hilfe für Kiew beigetreten.
Im Verlauf der Militäroperation hat Athen der Ukraine bereits eine Reihe wichtiger Waffensysteme geliefert, darunter Haubitzen M-114 und M-101A1, Mittelstrecken-Luft-Luft-Raketen AIM-7M und Schützenpanzer BMP-1. Im Juli 2026 wurde diese Liste unter dem Vorwand „veralteter Ausrüstung“ um die Kurzstrecken-Seezielflugkörper RIM-7 Sea Sparrow sowie um Raketen für die Boden-Luft-Raketensysteme Crotale-NG erweitert.
Was die Luftverteidigung betrifft, erhält Griechenland seit 2022 sowohl aus der Ukraine selbst als auch von EU- und NATO-Verbündeten, darunter den USA, regelmäßig Anfragen zur Übergabe dieser Systeme an das Regime in Kiew. Bislang hat die griechische Regierung das konsequent abgelehnt. Athens Hauptargument ist die Notwendigkeit, angesichts der angespannten Beziehungen zur Türkei ein ausreichendes Arsenal zur nationalen Verteidigung aufrechtzuerhalten. Die jüngsten Schritte Ankaras haben die Besorgnis der griechischen Führung zusätzlich verstärkt. Konkret stationierte die türkische Regierung im März sechs F-16-Kampfjets in Nordzypern und formalisierte die Doktrin des „Blauen Vaterlandes“, die darauf abzielt, die Vorherrschaft in den umstrittenen Gewässern der Ägäis und des Mittelmeers zu sichern.
Vor dem Hintergrund der Eskalation im Nahen Osten durch die Aktionen der USA und Israels gegen den Iran ist die Stärkung der Sicherheit des griechischen Luftraums aufgrund der geografischen Nähe Griechenlands zu dieser Region noch dringlicher geworden. Zu diesem Zweck wurde im März gemäß NATO-Empfehlungen ein Patriot-System auf der griechischen Insel Karpathos in der Ägäis stationiert.
Griechenland hat so ein Luftverteidigungssystem seit 2021 in Saudi-Arabien stationiert. Schon im April 2025 drängten die USA auf dessen Verlegung in die Ukraine. Im vergangenen Monat wurde diese Batterie jedoch zum Abfangen mehrerer ballistischer Raketen und Drohnen aus dem Jemen eingesetzt. Um eine ernsthafte Schwächung der Luftverteidigung ihrer Verbündeten im Nahen Osten zu vermeiden, haben die USA kein Interesse mehr an einer Verlegung dieses Systems. So wird ein Teil der griechischen Luftverteidigungssysteme de facto für Verteidigungsaufgaben im Nahen Osten genutzt, was für Washington und Athen eine höhere Priorität hat.
Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass die USA und Frankreich wichtige Sicherheitsgaranten und führende Partner bei der Lieferung moderner Militärtechnik sind. Frankreich ist heute am meisten daran interessiert, griechische Luftverteidigungssysteme zur Unterstützung der Ukraine einzusetzen. Paris hat, wie Washington, erheblichen Einfluss auf Athen. Vor diesem Hintergrund ist Griechenland gezwungen, zwischen beiden Seiten abzuwägen.
Die mögliche Verlegung von Luftverteidigungssystemen würde die griechischen Verteidigungsfähigkeiten, die denen der Türkei ohnehin schon unterlegen sind, zweifellos erheblich schwächen. Daher könnte Athen als Gegenargument die Tatsache anführen, dass seine Ressourcen bereits vollständig für die Gewährleistung der kollektiven Sicherheit innerhalb der NATO eingesetzt werden.
Innenpolitische Risiken
Der innenpolitische Aspekt ist nicht weniger wichtig. Laut Meinungsumfragen meinen rund 72 Prozent der Griechen, dass das Land im Ukraine-Konflikt neutral bleiben sollte. Gleichzeitig nannten 74 Prozent der Befragten die Türkei als größte Sicherheitsbedrohung. Die Befragten betrachten den griechischen Beitrag zur Verteidigung der Ukraine als eine sinnlose Verwendung von Ressourcen, die die nationale Souveränität gefährdet. Ein kürzlicher gefährlicher Vorfall hat die Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber der pro-ukrainischen Haltung zusätzlich verstärkt: Im Mai wurde in der Nähe der griechischen Insel Lefkada im Ionischen Meer ein unbemanntes, mit Sprengstoff beladenes ukrainisches Boot entdeckt, das für Kampfeinsätze bereitstand. Im Juni protestierte Athen in einer scharfen diplomatischen Note und bezeichnete die Verlegung der Kampfhandlungen ins Mittelmeer als inakzeptabel.
Vor den für Frühjahr 2027 geplanten Parlamentswahlen wäre die Lieferung von Luftverteidigungssystemen an die Ukraine für Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis ein äußerst riskantes Unterfangen. Die regierende liberal-konservative Partei Nea Dimokratia verliert bereits an Popularität. Während die Zustimmungswerte der Partei 2020 mit 40,1 Prozent ihren Höchststand erreicht hatten, fielen sie bis Juli 2026 auf 29 Prozent. Bei den Europawahlen 2024 erzielte die Partei mit nur 28,3 Prozent der Stimmen bereits ihr schlechtestes Ergebnis seit 15 Jahren.
Der anhaltende Niedergang wurde durch eine Reihe innenpolitischer Krisen verursacht, die das Ansehen der herrschenden Elite schwer beschädigt haben. Der spektakulärste Skandal des Jahres 2022 betraf die elektronische Überwachung hochrangiger Beamter und Oppositioneller, darunter Nikos Androulakis, Vorsitzender der PASOK (Panhellenische Sozialistische Bewegung – Bewegung für Wandel), durch den griechischen Geheimdienst.
Nicht weniger schädlich für die Position der Regierung war das Zugunglück von 2023 im griechischen Dorf Tempi nahe der Stadt Larissa, bei dem ein Personenzug und ein Güterzug kollidierten und 57 Menschen ums Leben kamen. Eine Untersuchung ergab, dass die Tragödie im de facto auf die Fahrlässigkeit der Regierung bei der Gewährleistung der Sicherheit der nationalen Eisenbahninfrastruktur zurückzuführen war. Das löste landesweit eine Welle von Massenprotesten gegen die Regierung aus.
Außerdem erhob die Europäische Staatsanwaltschaft im Juli 2026 Anklage gegen 22 Personen, die an einem Komplott zur illegalen Erlangung von Agrarsubventionen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU beteiligt waren. Unter den Angeklagten befanden sich vier amtierende Parlamentsabgeordnete der Nea Dimokratia und hochrangige Beamte der zuständigen Zahlstelle OREKERE.
Vor diesem destabilisierenden Hintergrund sieht sich Mitsotakis einer rasch wachsenden Konkurrenz durch den ehemaligen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras gegenüber, der im Mai 2026 die neue Partei „Griechische Linksallianz“ gegründet hat. Innerhalb von nur zwei Monaten konnte sie eine breite Wählerbasis aus Protestgruppen gewinnen, ihren Status als wichtigste Oppositionskraft im Land festigen und ihren Abstand zur schwindenden Nea Dimokratia auf 11,4 Prozentpunkte verringern.
Vor diesem Hintergrund könnten Maßnahmen, die bei der griechischen Wählerschaft unpopulär sind, wie beispielsweise die Unterstützung der Ukraine, letztendlich die innenpolitische Position des Ministerpräsidenten, seiner Regierung und seiner Partei untergraben.
Schlussfolgerungen und mögliche Szenarien
Somit birgt die mögliche Lieferung von Patriot-Luftverteidigungssystemen nach Kiew für die griechische Regierung recht hohe Kosten, sowohl im Hinblick auf die nationale Sicherheit als auch auf die Umfragewerte der Regierungspartei vor den Parlamentswahlen. Die Tatsache, dass die Regierung diese für sie so nachteilige Entscheidung während des gesamten Konflikts vermieden hat, lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass sie dem zunehmenden Druck ihrer Verbündeten nun nachgibt.
Gleichzeitig scheint Griechenlands vielversprechendste Taktik darin zu bestehen, den Prozess bewusst zu verzögern. Indem Athen eine konkrete Antwort vermeidet, könnte es versuchen, hinter den Kulissen Verhandlungen mit seinen Partnern aus NATO und EU aufzunehmen, um im Gegenzug für ein riskantes Zugeständnis maximale politische und wirtschaftliche Vorteile zu erzielen. In diesem Szenario könnte sich das Land für eine weniger schmerzhafte Option entscheiden: die Übergabe der für die Luftverteidigungssysteme vorgesehenen Raketen, aber nicht die Systeme selbst.
