Derzeit diskutieren Experten, welchen Einfluss der US-Angriff auf Venezuela auf die weltweiten Ölpreise haben wird, und bei der russischen Nachrichtenagentur TASS ist dazu ein sehr interessanter Artikel erschienen, den ich übersetzt habe. Bevor wir zu der Übersetzung kommen, will ich zum generellen Verständnis noch grundsätzliche Vorbemerkungen machen.
Die USA wollen den weltweiten Ölpreis zwar senken, weil niedrigere Einnahmen aus dem Ölverkauf Russland schaden würden, aber dabei gibt es ein Problem, denn die Ölförderung ist in Russland viel billiger als in den USA, wo Öl und Gas durch teures Fracking gefördert werden. Die USA können es daher nicht zulassen, dass der Ölpreis dauerhaft unter 40 Dollar pro Barrel fällt, weil das die Ölförderung in den USA unrentabel machen würde. Das Thema und die wichtige Grenze von 40 Dollar pro Barrel muss man allen Diskussionen über das Thema immer im Gedächtnis behalten.
Für Trump ist das wie die Quadratur des Kreises, denn einerseits hat er seinen Wählern niedrige Benzinpreise versprochen, andererseits gehörten die Ölkonzerne zu seinen wichtigsten Förderern im Wahlkampf – und die Ölkonzerne wollen keine niedrigen, sondern hohe Ölpreise, um mehr Gewinne zu machen, weshalb sich die Ölkonzerne aus diesem Grund auch nicht über die Bemühungen der US-Regierung freuen dürften, die weltweiten Ölpreise zu senken.
Daher könnte man Trumps Überfall auf Venezuela und seine Ankündigungen, US-Konzerne würden die Ölförderung dort übernehmen, durchaus als Kompensierung für die US-Ölkonzerne verstehen. Allerdings ist auch das nicht so einfach, denn die Ölförderung in Venezuela zu erhöhen, ist nicht einfach und schafft wieder andere Probleme.
Genau darum geht es in dem TASS-Artikel, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Venezolanisches Öl: Zuckerbrot für US-Ölkonzerne oder Druckmittel gegen China?
Igor Juschkow über die Auswirkungen des US-Angriffs auf Venezuela auf den Ölmarkt.
Die US-Bombardierungen Venezuelas und die Festnahme von Präsident Nicolas Maduro haben das geopolitische Jahr 2026 eröffnet. Dieses Ereignis hat vielfältige Ursachen und Folgen. US-Präsident Donald Trump beschuldigte Maduro öffentlich, praktisch persönlich Drogen in die USA geschickt zu haben, um die amerikanische Bevölkerung zu vergiften. Im Dezember erklärte Trump: „Sie haben uns erst kürzlich unser gesamtes Öl weggenommen, und wir wollen es zurück.“ Damit bestätigte er, dass Öl einer der Schlüsselfaktoren im Konflikt mit Venezuela ist.
Verstaatlichung und amerikanische Interessen
Die Verstaatlichung der venezolanischen Ölindustrie erfolgte in mehreren Schritten. Die anfängliche Dominanz westlicher Unternehmen im Land wurde bereits 1976 mit der Gründung des staatlichen Ölkonzerns PDVSA (Petróleos de Venezuela S.A.) eingeschränkt. Ausländische Unternehmen wurden zwar eingeschränkt, aber nicht ausgewiesen. Im Jahr 2007 fand unter Hugo Chávez eine neue Verstaatlichungsrunde statt, in deren Zuge ausländische Unternehmen gezwungen wurden, Mehrheitsanteile an verschiedenen Projekten an PDVSA zu verkaufen. Der amerikanische Konzern ConocoPhillips, der später auf rund 30 Milliarden US-Dollar Schadensersatz klagte, und ExxonMobil, der ebenfalls Schadensersatz forderte, waren dagegen.
Öl und der Vorwand des Drogenkriegs sind nicht die einzigen und höchstwahrscheinlich nicht die wichtigsten Gründe für das Vorgehen der USA in Venezuela. Trump musste die amerikanische Öffentlichkeit von einer Reihe für ihn negativer Themen ablenken, wie dem Fall Epstein, der Einigung mit Israel über eine neue Operation im Gazastreifen etc. Schließlich haben die USA in den letzten Jahren im Wesentlichen selbst entschieden, in welchem Umfang ihre Unternehmen an venezolanischen Projekten beteiligt sein dürfen. Noch unter dem ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden erteilte das US-Finanzministerium Lizenzen (Ausnahmen von Sanktionen) für amerikanische Unternehmen, vor allem für Chevron, um in Venezuela tätig zu sein.
Reduzierung der Überproduktion
Für Russland sind die Folgen dieses Vorfalls gerade wegen ihrer Auswirkungen auf den Ölmarkt von Bedeutung.
Im Dezember verhängten die USA eine Seeblockade gegen Venezuela und beschlagnahmten Öltanker. Das war offene Piraterie, da es keine Rechtsgrundlage für die Beschlagnahmung der Tanker gibt, von denen einige nicht einmal unter US-Sanktionen fallen. Aber das führte zu einem Angebotsrückgang auf dem Weltmarkt. Theoretisch hätte das die Weltmarktpreise erhöhen müssen, doch sie blieben im Bereich von 60 bis 63 US-Dollar pro Barrel für Brent-Rohöl. Auf der Nordhalbkugel ist der Verbrauch von Ölprodukten im Winter derzeit gering. Darüber hinaus hat allein die OPEC+ ihre Produktionsquoten bis 2025 um 2,88 Millionen Barrel pro Tag erhöht.
Obwohl Venezuela über die weltweit größten Ölreserven verfügt (17,5 % der globalen Gesamtreserven), ist seine Produktion mit durchschnittlich 960.000 Barrel pro Tag (Stand 2024) bescheiden. Die Exporte des Landes werden auf etwa 500.000 bis 600.000 Barrel pro Tag geschätzt. Daher würde selbst ein vollständiger Abzug dieser Mengen vom Weltmarkt nicht zu einer globalen Knappheit führen, sondern lediglich die Überproduktion verringern.
Schnelles Produktionswachstum unwahrscheinlich
Ein weiterer Faktor, der die Ölpreise angesichts sinkender venezolanischer Exporte dämpft, ist die Erwartung einer Aufhebung der Sanktionen gegen Venezuela. Trump erklärte, die Seeblockade gegen das Land bleibe bestehen, was bedeutet, dass die USA noch nicht glauben, das gewünschte Ergebnis erzielt zu haben, und dass die Sanktionen kurzfristig nicht aufgehoben werden. Allerdings drohte Trump der venezolanischen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, der jetzigen Staatschefin, öffentlich, sie werde „einen hohen Preis zahlen“, wenn ihre Handlungen nicht den US-Interessen entsprächen. Wenn in Venezuela letztlich ein für Washington akzeptabler Präsident erscheint, werden die Sanktionen gelockert. Dann werden amerikanische und andere ausländische Unternehmen zurückkehren, um in die Ölindustrie des Landes zu investieren. Allein die Ankündigung einer Aufhebung er Sanktionen wird den Ölpreis drücken. Man sollte jedoch keinen schnellen und signifikanten Anstieg der venezolanischen Produktion erwarten.
Die Ölindustrie des Landes hat sich deutlich verschlechtert und benötigt erhebliche Investitionen. Venezuelas Ölproduktion erreichte 1998 ihren Höhepunkt (3,45 Millionen Barrel pro Tag) und ging danach, wenn auch mit Schwankungen, tendenziell zurück. Das lag vor allem daran, dass der Staat der Industrie Mittel entzog und immer mehr Gelder in den Staatshaushalt umleitete. Einerseits ermöglichte dies Hugo Chávez, der 1998 an die Macht kam, sein Versprechen einzulösen, die Öleinnahmen der Bevölkerung zukommen zu lassen. Andererseits fehlten der Industrie die Mittel nicht nur für neue Projekte, sondern auch für Reparaturen und die Instandhaltung der Produktionsanlagen.
Die US-Sanktionen, die venezolanische Ölimporte seit 2019 verboten haben, haben die Produktion lediglich auf niedrigem Niveau fixiert. Sollten sie aufgehoben werden, werden ausländische Unternehmen nach Venezuela zurückkehren, doch eine Produktionssteigerung wird Investitionen in Milliardenhöhe und Zeit erfordern. Investitionen könnten sich jedoch als Herausforderung erweisen, schließlich ist die Produktion in dem Land kostenintensiv: Venezuela ist auf die Förderung von schwerem, hochviskosem Öl spezialisiert. Die Weltmarktpreise sind bereits niedrig und die Nachricht von der Aufhebung der Sanktionen gegen Caracas wird sie weiter senken. Unter diesen Umständen werden westliche Investoren zögern, Milliarden von Dollar in die Steigerung der venezolanischen Produktion zu investieren, da dies zu Verlusten führen könnte. Daher könnte die Wiederherstellung des vorherigen Produktionsniveaus Jahre dauern.
Vor- und Nachteile für Russland
Für Russland sind die Entwicklungen um Venezuela überwiegend negativ. Neben dem Risiko sinkender Preise aufgrund einer möglichen Lockerung der Sanktionen besteht das Problem der Aufrechterhaltung der OPEC+-Einigung. Venezuela unterliegt derzeit nicht den Quoten der Organisation, es kann so viel Öl fördern, wie es möchte. Steigt die Produktion jedoch, werden andere OPEC+-Mitglieder Quoten fordern, denen die prowestlichen Machthaber in Caracas (schließlich ist eine Aufhebung der Sanktionen nur bei einem Führungswechsel möglich) nicht zustimmen werden. In der Folge werden viele OPEC+-Mitglieder erklären, dass auch sie sich nicht an die Quoten halten werden, was zum vollständigen Zusammenbruch der Einigung führen wird. Eine Produktionsmaximierung in allen teilnehmenden Ländern wird ein massives Überangebot und einen Ölpreisverfall zur Folge haben.
Außerdem könnte die Praxis der illegalen Beschlagnahmung von Öltankern durch das US-Militär zu einem schlechtes Beispiel für die Europäer werden, die in der Ostsee und im Atlantik bereits ähnliche Aktionen unternommen haben. Neue Versuche könnten zu einer Eskalation des Konflikts zwischen Russland und dem Westen führen. Für uns würde das höhere Transportkosten bedeuten, was unseren Haushalt und die Einnahmen unsere Unternehmen schmälern würde.
In den Medien wird intensiv die Theorie diskutiert, dass Trump durch einen Regimechange in Venezuela und eine Produktionssteigerung dort die Ölpreise einbrechen lassen will, um Druck auf Russland auszuüben. Der Verfalls des Ölpreises wird jedoch in erster Linie amerikanischen Unternehmen schaden, denn die Ölförderungskosten sind auch in den USA hoch, und mit sinkenden Preisen wird die Förderung auch dort zurückgehen. Es wäre daher logischer anzunehmen, dass Trump den amerikanischen Ölkonzernen mit Lizenzen für venezolanische Ölfelder ein Zuckerbrot bieten will, schließlich ist es ihm nicht gelungen, hohe Ölpreise für sie zu sichern, damit sie ihre Produktion in den USA steigern konnten. Die Ölkonzerne haben Trumps Wahlkampf finanziert, und nun muss er das irgendwie kompensieren.
Es gibt jedoch auch positive Folgen für Russland. Nahezu das gesamte venezolanische Öl ging nach China und wurde mit Rabatt verkauft. Obwohl Trump schnell behauptete, China würde dadurch nicht beeinträchtigt und die venezolanischen Öllieferungen würden weitergehen, ist unklar, wie dies angesichts der bestehenden Seeblockade möglich sein soll. Es ist eher das Gegenteil, denn die USA profitieren davon, gleichzeitig ihre Probleme in Venezuela zu lösen und ihren strategischen Konkurrenten China unter Druck zu setzen. Peking wird nun versuchen, ähnliche Mengen anderer Ölsorten, also russisches und iranisches Öl, mit Rabatten zu erwerben. Die steigende Nachfrage Chinas nach unserem Öl wird zu einer Verringerung des Rabattes führen, der bis Ende 2025 sogar noch gestiegen war. So zynisch es auch klingen mag, aber Russland würde von einer langfristigen Blockade venezolanischer Ölexporte profitieren, da diese das Angebot auf dem Weltmarkt verringern und letztlich die Preise in die Höhe treiben würde.
