Wer in Russland lebt, reibt sich fast ständig die Augen, wenn er die Erklärungen europäischer Politiker, die „Analysen“ deutscher Journalisten und die Einschätzungen sogenannter „Russland-Experten“ aus Europa hört. Es geht dabei nicht einmal darum, dass man mit deren Aussagen inhaltlich nicht übereinstimmt, das ist nicht überraschend, sondern es geht um die Voraussetzungen, auf denen die ihre Erklärungen, Analysen und Prognosen abgeben, denn diese Voraussetzungen, von denen die ausgehen, haben mit der Realität in der Regel nichts zu tun.
Man erinnere sich nur an all die Politiker und Experten in Europa, die 2022 im Brustton der Überzeugung verkündet haben, die russische Wirtschaft werde unter den Sanktionen innerhalb von Wochen oder Monaten zusammenbrechen. Oder an die Erklärungen europäischer Politiker wie von der Leyen oder Baerbock, die russische Rüstungsindustrie werde nun Mikrochips aus Waschmaschinen ausbauen müssen, um Raketen produzieren zu können. Oder an die vielen europäischen Militärexperten, die 2022 und 2023 unermüdlich erklärten, Russland würden schon in wenigen Wochen die Raketen und die Artilleriemunition ausgehen. Und natürlich an all die Erklärungen darüber, wie Russland unter dem Druck der Sanktionen verarmen werde und wie eine unzufriedene russische Bevölkerung dann für einen Regimewechsel auf die Straße gehen werde. Und so weiter und so fort.
Wir wissen heute, dass all das nicht eingetroffen ist. Heute wissen wir, dass die russische Rüstungsindustrie die europäische Rüstungsindustrie bei ihren Produktionskapazitäten übertrifft, obwohl Europa doch angeblich wirtschaftlich und industriell so viel stärker ist als Russland. Heute wissen wir, dass die russische Wirtschaft die Sanktionen insgesamt gut verkraftet hat, dass die russische Wirtschaft stark gewachsen ist und dass es in Russland statt Verarmung einen Anstieg der Reallöhne gegeben hat.
Aber warum lagen (und liegen) die europäischen „Experten“, Politiker und Journalisten so daneben, wenn es um Russland geht?
Opfer der eigenen Propaganda
Ich erzähle immer wieder die Geschichte einer russischen Bekannten von mir, die Germanistik und Politik studiert hat und dabei auch eine Zeitlang an einer deutschen Universität war. Dabei wollte sie in Deutschland eine Arbeit über die Krim-Krise aus russischer Sicht schreiben, was ihr an der deutschen Universität mit dem Hinweis untersagt wurde, an deutschen Universitäten sei kein Platz für „russische Propaganda“.
Was eigentlich nur absurd klingt, hat sehr ernsthafte Folgen. An deutschen (und wohl generell europäischen) Universitäten werden „Russland-Experten“ ausgebildet, die keine Ahnung von Russland haben und sich beim Studium mit den russischen Argumenten und der russischen Sichtweise, nicht einmal beschäftigen dürfen. Das wird ihnen verboten. Sie lernen an der Uni nur die Thesen und Phrasen der westlichen Propaganda.
Daher glauben diese europäischen „Russland-Experten“ offenbar, dass Russland immer noch das verarmte und instabile Land der 90er Jahre ist. Sie wissen nichts davon, wie modern Russland heute ist, dass Russland beispielsweise in Sachen Digitalisierung oder Internet meilenweit vor den Ländern der EU liegt, dass Russland in vielen Bereichen eine hochmoderne Wirtschaft hat, dass der Lebensstandard in Russland heute höher ist als in den meisten EU-Ländern und so weiter.
In Russland gibt es diese Zensur nicht und meine Bekannte konnte Jahre später in Russland sogar eine Doktorarbeit über die Krim-Krise aus deutscher Sicht schreiben. Zwar gab es auch in Russland einige Professoren, die das für „westliche Propaganda“ hielten, aber sie konnte die Doktorarbeit schreiben und russische Experten können sich nun über die deutsche Sicht auf die Krim-Krise informieren, während deutsche Experten die russische Sicht nicht kennen (dürfen).
Das Ergebnis ist, dass russische Experten den Westen verstehen und korrekt einschätzen können, während europäische “Experten” buchstäblich keine Ahnung vom heutigen Russland haben. Daher kamen und kommen all die Fehleinschätzungen über Russland, die man im Westen ständig liest und hört.
Ein Beispiel aus der Praxis
Das kann man an einem aktuellen Spiegel-Leitartikel mit der Überschrift „Krieg in der Ukraine – Trump ist Wachs in Putins Händen“ sehr anschaulich sehen. Der Artikel wurde von Rene Pfister geschrieben, einem Spiegel-Schreiberling, der sechs Jahre Spiegel-Korrespondent in Washington war nun Spiegel-Korrespondent in Paris ist. Pfister ist mir immer wieder durch ausgesprochen merkwürdige Artikel aufgefallen, ein Beispiel finden Sie hier.
Pfister hat, das zeigt schon sein Werdegang, keine Ahnung von Russland. Er mag sich nach sechs Jahren in Washington in der US-Politik auskennen, aber mit Russland hatte er nie etwas zu tun, außer, dass er natürlich die anti-russische Propaganda tief verinnerlicht hat und offenbar auch im Schlaf herunterbeten kann. Und sicherlich hat er die Schriften vieler europäischer „Russland-Experten“ gelesen, die aus den oben genannten Gründen das Papier nicht wert sind, auf dem man sie ausdruckt.
Der Artikel von Pfister begann mit folgender Einleitung:
„Der US-Präsident will Moskau mit einem Friedensdeal auf Kosten der Ukraine schmeicheln. Das ist die falsche Strategie im Umgang mit einem Gewaltherrscher. Putin kennt nur eine Sprache.“
Den Inhalt des Artikels zu besprechen, macht keinen Sinn. Pfister betet nur die übrlichen anti-russischen Phrasen runter und arbeitet sich in der üblichen Weise an US-Präsident Trump ab. Trump, so schreibt Pfister, „verachtet“ demnach die Demokratie, aber immerhin „geht ihm jene Ruchlosigkeit ab, mit der sich ein Potentat wie Putin in die Geschichte einschreiben will“. Und so weiter und so fort. Informationsgehalt null, dafür ein Feuerwerk der Propaganda – so sind Pfisters Artikel übrigens immer.
Der Grund, weshalb ich hier trotzdem über Pfisters Artikel berichte, ist der letzte Absatz des Artikels, denn er zeigt geballt all die Fehleinschätzungen westlicher Journalisten, wenn es um Russland geht. Man könnte auch sagen, der letzte Absatz zeigt die Illusionen, die Fantasiewelt, in der europäische Politiker, Journalisten und „Russland-Experten“ leben.
Schauen wir uns den Absatz zuerst als Ganzes an, danach werden wir uns die vielen, darin enthaltenen Fehleinschätzungen genau anschauen. Der letzte Absatz in Pfisters Artikel lautet:
„Es ist Zeit, sich mit dieser unerfreulichen Realität anzufreunden. Für Europa ist es schwer, aber nicht unmöglich, Putin ohne die USA abzuschrecken. Russland ist ein alterndes Land, das technologisch den Anschluss verpasst hat und dessen Bruttoinlandsprodukt unter dem von Italien liegt. Europa hat die Wirtschaftskraft und die industrielle Basis, um sich so aufzurüsten, dass der Kreml keinen Angriff wagt. Putin kennt nur die Sprache der Stärke, diese Lektion hat Trump immer noch nicht gelernt. Die Europäer sollten nicht den gleichen Fehler begehen.“
„Russland ist ein alterndes Land“
Pfister behauptet, Russland sei ein „alterndes Land“. Wie er darauf kommt, bleibt sein Geheimnis. Die Fakten sind folgende: Das Medianalter der Menschen in Russland liegt aktuell bei 40,3 Jahren, während das Medienalter in der EU bei 44,7 Jahren liegt. Und in Deutschland liegt das Medianalter derzeit bei 46,8 Jahren.
Pfister behauptet aber, Russland sei ein „alterndes Land“, was ein Grund dafür sei,dass die EU Russland auch ohne die USA abschrecken könne. In Wahrheit ist es die EU, die altert – und Deutschland sieht dabei noch weitaus schlechter als als die EU insgesamt.
„Russland hat technologisch den Anschluss verpasst“
Die zweiten Behauptung, die Pfister aufstellt, ist, Russland habe „technologisch den Anschluss verpasst“. Pfister war offenbar noch nie in Russland, denn ansonsten wüsste er beispielsweise, dass in Moskau Roboter, die Kurierdienste leisten und Pizza oder andere Waren aus Geschäften zu den Kunden nach Hause bringen, zum Alltag gehören. Oder er wüsste, dass Russland den Europäern bei Digitalisierung und Hochgeschwindigkeits-Internet um Längen voraus ist. Oder er hätte bedacht, dass Russland in der Raketentechnik weltweit führend ist, dass Russland im Bereich der künstlichen Intelligenz weit vor den Europäern liegt, die sich in fast allen Hightech-Branchen komplett in die Abhängigkeit der USA begeben haben.
Das waren nur einige Beispiele. Niemand behauptet, dass Russland mit den Hightech-Champions USA oder China mithalten könnte, so weit ist Russland natürlich nicht, aber die EU-Staaten sind in Sachen Technik heute weit abgeschlagen und verlassen sich – gerade im IT-Bereich, wo Russland viel autarker ist – auf US-Konzerne. Welche eigenen technischen IT-Lösungen (außer vielleicht SAP) hat die EU denn hervorgebracht?
Militärtechnisch – und vor allem im Weltraum, also im Bereich beispielsweise der Aufklärungssatelliten – ist die EU auf die USA angewiesen. Gleiches gilt bei modernen Waffensystemen, die die EU-Staaten vor allem in den USA einkaufen.
Wenn ich von Freunden aus Deutschland höre, wie in Deutschland die Verwaltung funktioniert, während man in Russland fast alles – bis hin zur Beantragung neuer Pässe und anderer offizieller Dokumente – online machen kann, kann ich kaum glauben, wie rückständig Deutschland inzwischen ist. Ich erinnere mich, dass das vor 25 Jahren noch umgekehrt war. Und anscheinend sind europäische Experten der Meinung, das sei immer noch so. Wer mal in China – oder eben auch in Russland – war, der ist schockiert davon, wie sehr Europa – und nicht etwa Russland – technologisch den Anschluss verloren hat.
Die Mär von der schwachen russischen Wirtschaft
Natürlich muss Pfister auch das Märchen nachplappern, Russland sei ein Land, „dessen Bruttoinlandsprodukt unter dem von Italien liegt“. Diese Behauptung ist das Ergebnis eines statistischen Tricks, den der Westen anwendet, um zu suggerieren, dass er immer noch wirtschaftlich führend ist.
Das BIP wird, je nachdem, was man messen will, unterschiedlich gemessen. Im Westen wird zum Vergleich von Volkswirtschaften immer das nominale BIP herangezogen, das dazu jedoch nicht geeignet ist. Nach dem nominalen BIP ist Russland tatsächlich nur auf Platz 11 der Welt.
Um unterschiedliche Volkswirtschaften miteinander zu vergleichen, müsste man allerdings das BIP nach Kaufkraftparität heranziehen. Und da liegt Russland weltweit auf Platz 4 und hat inzwischen sogar Deutschland und Japan überholt.
Für alle Interessierten erkläre ich am Ende dieses Artikels noch einmal, warum das BIP nach Kaufkraftparität zum Vergleich von Volkswirtschaften die korrekte Wahl ist, und warum das nominale BIP dazu ungeeignet ist.
Europas Wirtschaftskraft und industrielle Basis
Nachdem Pfister seinen Lesern erklärt hat, dass Russland angeblich überaltert, technologisch rückständig und wirtschaftlich schwach ist, behauptet er, Europa habe „die Wirtschaftskraft und die industrielle Basis, um sich so aufzurüsten, dass der Kreml keinen Angriff wagt“.
Nun gut, dass in Russland niemand die NATO oder die EU angreifen will, ist das Eine, aber die europäische Propaganda behauptet ja ständig das Gegenteil. Und Pfister ist schließlich Teil dieser Propaganda.
Aber was ist denn mit der industriellen Basis, von der Pfister redet? Wer die Wirtschaftsteile deutscher und europäischer Medien liest, liest eine Katastrophenmeldung nach der anderen. Es wird offen von einer Deindustrialisierung Europas gesprochen, weil die nach der Absage an russische Energieträger explodierten Energiekosten in Europa die Produktion von so ziemlich allem unrentabel machen.
In Deutschland ist die Stahlindustrie in der Krise, die chemische Industrie ist dabei, ihre Produktion aus Deutschland abzuziehen, die Automobilindustrie kennt nur noch Katastrophenmeldungen über Umsatzeinbrüche und Gewinnwarnungen. Und so weiter. Was ist den mit der industriellen Basis, von der Pfister redet? Die wird doch gerade durch Energiewende und Russland-Sanktionen planmäßig zerstört.
Damit geht auch die europäische Wirtschaftskraft, von der Pfister redet, allmählich kaputt. Und wir reden ja nicht von einer vorübergehenden Krise, denn die Politik tut rein gar nichts, um die Ursachen der Misere anzugehen. Das Problem der zu hohen Energiekosten wird nicht gelöst, sondern durch die Maßnahmen der EU immer weiter verstärkt. Deutschlands Wirtschaft ist seit 2019 nicht mehr gewachsen und inzwischen gibt man auch in Deutschland zu, dass Deutschland schon drei Jahre in der Rezession steckt.
Ja, natürlich ist die EU derzeit wirtschaftlich noch stärker als Russland, aber die EU ist auf einem absteigenden Ast. Und sie sucht noch nicht einmal nach Lösungen. Bei allen EU-Gipfeln geht es nur darum, wo man noch ein paar Milliarden für die Ukraine zusammenkratzen kann. Aber darüber, wie man die Probleme der europäischen Wirtschaft lösen kann, wird in der EU nicht einmal nachgedacht.
Und wenn Kanzler Merz, wie im Juli geschehen, die Wirtschaft zu einem Krisengipfel einlädt, ist das reine PR. Für die Kameras haben die Teilnehmer des Treffen versprochen, sie würden „bis 2028 gemeinsam 631 Milliarden Euro am Standort Deutschland investieren“. Und was haben sich die deutschen Medien darüber gefreut, dass nun endlich der Aufschwung kommen möge.
Aber niemand hat die Konzernchefs danach gefragt, wer wo konkret wie viel investieren will. Und von den großen Investitionsprogrammen, die bei dem Wirtschaftsgipfel von Merz so großspurig verkündet wurden, ist immer noch nichts zu sehen. Stattdessen wandert die deutsche Wirtschaft in Länder ab, wo die Energiekosten geringer sind.
Natürlich wird die EU aufrüsten. Die einzige Branche, die in Europa glänzende Geschäfte macht, ist die Rüstungsindustrie. Aber die lebt von Staatsaufträgen. Und diese Staatsaufträge werden mit immer neuen Krediten auf Pump finanziert. Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um zu verstehen, dass das nicht lange gut gehen kann – zumal, wenn gleichzeitig alle anderen produzierenden Branchen tief im Minus sind.
Leben in einer Traumwelt
Das ist das Problem, das Europa hat. Die „Experten“ in Europa haben aus den oben genannten Gründen keine Ahnung von Russland und wiederholen seit fast vier Jahren, dass Russlands Wirtschaft angeblich unmittelbar vor dem Zusammenbrechen ist. Und niemand stört sich daran, dass sie das seit vier Jahren erzählen, dass seit vier Jahren jedoch das Gegenteil passiert.
Die Journalisten in Europa sind wohl noch tiefer in ihrer eigenen Propagandablase gefangen als die „Experten“, und plappern einfach nach, was die „Experten“ behaupten. Auch dann, wenn sich all deren Prognosen in den letzten Jahren als falsch herausgestellt haben.
Die Politiker in Europa sind keine Politiker mehr, sondern Aktivisten, die in ihrer Ideologie von Klimawandel, dem bösen Russland und so weiter gefangen sind. Sie machen keine Politik mehr, bei der man sich in sein Gegenüber hineinversetzt, um dann bei Verhandlungen das beste für sein eigenes Land herauszuholen, sondern sie stellen Forderungen, drohen und sind gegen jede Form von Kompromissen, weil sie in ihrer Ideologie gefangen sind, anstatt endlich eine pragmatische Politik zu machen, die die tatsächlichen Realitäten anerkennt.
Und so schaut die ganze Welt mit Staunen auf die EU, die inzwischen 19 Sanktionspakete gegen Russland auf den Weg gebracht hat, von denen keines auch nur ansatzweise sein Ziel erreicht hat, die aber der EU und ihrer Wirtschaft schweren Schaden zugefügt haben. Anstatt aus dem Fehler zu lernen, hat die EU jedoch eine andere Lösung: Sie arbeitet nun am 20. Sanktionspaket.
Gerade heute hat EU-Ratspräsident Costa im Handelsblatt ganz stolz erzählt, der „Friedensplan“ der EU bestünde aus Unterstützung für Kiew und Sanktionen gegen Russland, und die Sanktionen würden funktionieren. Und EU-Chefdiplomatin Kallas sagte vor einigen Tagen, der „einzige Plan“ der EU sei die Schwächung Russlands und die Unterstützung der Ukraine.
Dass diese Leute in einer totalen Traumwelt leben, ist jedem denkenden Menschen klar. Aber innerhalb der deutschen und europäischen Medienblase wird diese Traumwelt am Leben erhalten. Und das schlimmste ist, dass Leute wie Pfister, Kallas, Costa und so weiter wohl selbst den Unsinn glauben, den sie erzählen.
Wie das BIP gemessen wird
Nun will ich, wie oben versprochen, noch erklären, warum das BIP nach Kaufkraftparität zum Vergleich von Volkswirtschaften das Instrument der Wahl ist und warum das nominale BIP dazu ungeeignet ist.
Die Schwierigkeit bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist, dass man es nach sehr unterschiedlichen Methoden messen kann, ironisch gesagt, nach dem Motto „Glaube nur der Statistik, die du selber gefälscht hast“. Die Frage ist aber immer, was man eigentlich messen oder überprüfen will.
Es gibt zunächst das nominale und das reale BIP. Beim nominalen BIP geht es um den Wert aller Waren und Dienstleistungen in Marktpreisen. Das bedeutet, dass steigende (Markt-)Preise, also Inflation, das BIP erhöhen. So kann selbst bei sinkender Produktion das nominale BIP steigen, wenn nur die Inflation hoch genug ist. Schon daran sieht man, wie ungeeignet das nominale BIP für internationale Vergleiche ist, denn die Inflation ist ja auch in allen Ländern unterschiedlich.
Um diesen Effekt auszuschließen, gibt es das reale BIP. Dabei wird die Inflation durch die Festsetzung von Basispreisen herausgerechnet, man bekommt also einen klaren Einblick in die Entwicklung der Produktion und Dienstleistungen in einem Land.
Nun ist aber auch hier die Schwierigkeit offensichtlich, wenn man verschiedene Länder mit verschiedenen Währungen vergleichen will. Schließlich legen die Länder unterschiedliche Basispreise fest und das auch noch in unterschiedlichen Währungen, deren Wechselkurse sich im Laufe des Berechnungszeitraums verändern.
Um diesen Effekt auszugleichen, gibt es die Messung des BIP nach Kaufkraftparität (KKP oder englisch PPP). Der Punkt ist nämlich, dass ein und dasselbe Produkt in verschiedenen Ländern teurer oder billiger sein kann und dass das gleiche auch für die Löhne gilt. In der Schweiz sind die Löhne höher als in Deutschland, aber wer mal da war, der sieht, dass dort dafür auch alles viel teurer ist. Von ihren höheren Löhnen haben die Schweizer nur dann einen Vorteil, wenn sie zum Einkaufen oder in den Urlaub ins Ausland fahren, im Alltag zu Hause heben die höheren Preise die höheren Löhne weitgehend auf.
Das BIP kann also auf sehr unterschiedliche Weise gemessen werden und dabei können auch sehr unterschiedliche Ergebnisse rauskommen. Richtig oder falsch ist keine Methode. Wer zum Beispiel die Entwicklung in einem Land über die Jahre messen will, der ist mit dem realen BIP gut bedient.
Wenn man aber verschiedene Länder vergleichen will, ist das BIP nach Kaufkraftparität (PPP) die Methode der Wahl. Denn bloß weil eine Tasse Kaffee in der Schweiz das Doppelte kostet, wie in Deutschland, ist es trotzdem immer noch die gleiche Tasse Kaffee. Wer also das BIP, sprich die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen (vereinfacht gesagt, die Anzahl an verkauften Tassen Kaffee), in verschiedenen Ländern vergleichen will, und nicht die Preisunterschiede, der muss das BIP in PPP zur Hand nehmen.
Laut der Weltbank ist Russland nach dem BIP in PPP zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Die westlichen Medien, Pfister und sein Spiegel-Artikel sind dafür nur ein weiteres Beispiel, ziehen für ihre Vergleiche jedoch das nominale BIP heran, bei dem die höheren Preise im Westen vorgaukeln, die Wirtschaft der westlichen Staaten sei viel größer als beispielsweise die russische Wirtschaft, dabei sind nur die Preise im Westen höher als in Russland.
https://anti-spiegel.ru/2025/auf-welchen-illusionen-die-eu-ihre-russland-politik-aufbaut/
