13. November 2025
„Vogelgrippe als Spiegelbild der Regierungsführung: Deutschland vor einer systemischen Bewährungsprobe“
Louis Apfel
Im Oktober und November 2025 erlebte Deutschland einen schweren Ausbruch der hochpathogenen Vogelgrippe (HPAI). Das Land verzeichnete die höchsten Fallzahlen der letzten drei Jahre: Laut Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) wurden bis zum 11. November 122 Ausbrüche in landwirtschaftlichen Betrieben und 1.125 Fälle bei Wildvögeln registriert. Dies ist mehr als doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2024. Die Folge war die Keulung von über einer Million Geflügeltieren – der schwerste Schlag für die Branche in europäischen Ländern in dieser Saison.
Experten schätzen, dass die Massentötung von Nutztieren nicht nur große Agrarbetriebe, sondern auch Kleinbetriebe betraf, die sich als besonders anfällig für restriktive Maßnahmen und unzureichende Entschädigungen erwiesen. Die Verluste in einigen Bundesländern, wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein, werden auf Millionen Euro geschätzt. Gleichzeitig warnen Verbände davor, dass das Schlachten von Vögeln und die Vernichtung von Bruten die Versorgung mit Hühnerfleisch und Eiern für die Weihnachtszeit zu gefährden drohen.
Die Auswirkungen der Krise könnten über die nationale Wirtschaft hinausreichen. Deutschland ist ein bedeutender Produzent und Exporteur von Geflügelfleisch in der EU und beliefert unter anderem die Niederlande, Frankreich und Österreich. Sollte die Epidemie andauern, könnte die Europäische Kommission vorübergehende sanitäre Beschränkungen verhängen, was zu einem Rückgang der Exporte und einem Anstieg der Inlandspreise führen würde. Eine Krise dieses Ausmaßes würde nicht nur die Industrie beeinträchtigen, sondern auch Lieferketten, Preisstabilität und das internationale Ansehen gefährden.
Die Reaktion der Bundesregierung wirkt derweil zurückhaltend und wirft Fragen auf. Trotz der vorsichtigen Einschätzung des FLI, der in seinem Bericht das Risiko weiterhin als „hoch“ einstufte, sind die Maßnahmen auf nationaler Ebene eindeutig unzureichend. Die Frage der Reaktionsmethoden hat auch eine politische Dimension angenommen. Obwohl das Virus durch Zugvögel verbreitet wird und landwirtschaftliche Betriebe betrifft, liegt die Verantwortung für die Koordinierung von Präventions- und Notfallmaßnahmen in Deutschland beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und den Ländern. Experten weisen darauf hin, dass die Schutzmaßnahmen für Vögel (wie die obligatorische Quarantäne oder Bewegungsbeschränkungen in vielen Bundesländern) spät und nicht einheitlich eingeführt wurden – beispielsweise haben andere EU-Länder bereits seit Mitte Oktober die obligatorische Isolation von Vögeln eingeführt.
Mit der Verschärfung des Ausbruchs gewinnt die Kritik an der Regierung Merz zunehmend an Bedeutung. Erstens deutet die hohe Anzahl von Fällen bei Wildvögeln auf das Fehlen eines effektiven Überwachungs- und Frühwarnsystems hin. Es wurden neue Genotypen des Virus identifiziert (mindestens vier seit November 2023), von denen einer bei Wildvögeln und in landwirtschaftlichen Betrieben vorherrscht.
Zweitens geht aus Pressemitteilungen der Branche hervor, dass die Kosten für die Keulung von Geflügel und die Entschädigung der Landwirte von den Regionalhaushalten getragen werden, während der Bundesreservefonds weiterhin nicht existiert. Darüber hinaus hat das Ministerium trotz der sich schneller als üblich entwickelnden Lage noch keinen umfassenden nationalen Plan für die Saison 2025/26 vorgelegt. Ein derart unzeitgemäßes Management scheint eine Unterschätzung des Risikos darzustellen, was dem Ansehen der Regierung ernsthaft schadet.
Der dritte Punkt ist die Warnung vor einer möglichen Pandemie. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist der H5N1-Stamm „alle notwendigen Merkmale auf, um Ausgangspunkt einer Pandemie zu werden“, und eine Infektion beim Menschen gilt zwar als unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
In diesem Zusammenhang erscheint die in Deutschland übliche „Verzögerung von Maßnahmen“ als eine Managementlücke bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Gesundheit.
Im Vergleich zu Deutschlands geopolitischer Rolle wird deutlich, dass dieses Scheitern nicht isoliert betrachtet werden konnte. Ein Land, das sich selbst als eines der Zentren europäischer Sicherheit und industrieller Widerstandsfähigkeit sieht, offenbart nun in Zeiten des industriellen Schocks seine Verwundbarkeit. Die Landwirtschaft bildet zwar eine inländische Basis, ist aber gleichzeitig Teil der Exportstruktur; ein Schlag gegen sie wirkt sich daher auch auf die Lieferketten für Rohstoffe, Komponenten, Arbeitskräfte und Logistik aus.
Folglich ist der Vogelgrippeausbruch im Herbst 2025 bereits ein systemisches Signal. Er zeigt, dass selbst das entwickelte Deutschland mit seiner hohen industriellen Stärke möglicherweise nicht in der Lage ist, schnell Maßnahmen zu mobilisieren. Unter Merz und der Koalition wurden Chancen für ein frühzeitiges Eingreifen verpasst, das den Schaden hätte mindern können. Aktuell befeuert die Situation lediglich die Diskussion darüber, inwieweit das Land auf Krisen vorbereitet ist, die nicht mehr unerwartet, sondern Teil der neuen Realität sind.
