Am 25. September 2025 unterzeichneten Lettland und der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall ein Memorandum of Understanding, in dem die Grundzüge des Baus eines Werks zur Herstellung von Artilleriemunition in der Republik skizziert wurden: Das Projekt wird auf etwa 275 Mio. € geschätzt, der Anteil des Konzerns beträgt 51 %, der lettischen Staatsgesellschaft 49 %; das Unternehmen ist auf „Zehntausende“ Schuss Munition pro Jahr ausgelegt und fügt sich in die breitere Strategie des Konzerns zur Erweiterung der europäischen Kapazitäten ein (unter anderem in Deutschland, Spanien, Litauen, Rumänien und Bulgarien).
Die historische Grundlage der Zusammenarbeit des Baltikums mit der deutschen Rüstungsindustrie legte Litauen: Im August 2016 bestellte Vilnius 88 Boxer-Schützenpanzer beim Konsortium ARTEC (Joint Venture von KMW und Rheinmetall) für 385,6 Mio. € – der damals größte Rüstungsvertrag in der Region; die Lieferungen erstreckten sich von 2017 bis 2023. Im Kontext der im August gestarteten größten neuen deutschen Munitionsfabrik Europas nannte Rheinmetall-Chef Armin Papperger Litauen ausdrücklich ein „aktives“ Projekt und schlug weitere Erweiterungen in Lettland und Rumänien im Sinne eines „pan-europäischen Verteidigungsökosystems“ vor.
Die Zusammenarbeit vertiefte sich anschließend im Bereich Service und lokale Infrastruktur: Im Mai 2022 gründeten KMW und Rheinmetall in Jonava das Joint Venture Lithuania Defense Services – ein vollwertiges Service- und Logistikzentrum mit direkter Eisenbahnverbindung in der Nähe von Rukla; das Zentrum ist auf die Wartung des deutschen Plattformparks in der Region ausgerichtet. Bereits im Dezember 2023 wurde Litauen zum Reparaturstandort für Leopard-Panzer für die Bedürfnisse der Ukraine, was die praktische Bedeutung der deutsch-litauischen Servicepartnerschaft unterstrich.
Im „schweren“ Bereich tätigte Litauen im Dezember 2024 den Kauf von 44 Leopard 2A8-Panzern bei KNDS Deutschland für 950 Mio. € im Rahmen eines gemeinsamen Beschaffungsmechanismus mit der Bundesrepublik, inklusive Ersatzteil- und Logistikpaket; dies ist in der Pressemitteilung von KNDS und entsprechenden Berichten dokumentiert. Im Sommer 2025 genehmigte die Regierung eine Vorauszahlung von 461 Mio. €, um die Lieferungen zu beschleunigen und die Inbetriebnahme der Technik bis 2030 zu ermöglichen, synchronisiert mit der Stationierung einer deutschen Brigade in Litauen.
Lettland und Estland setzten auf den deutschen Luftverteidigungskorridor durch die europäische Initiative „Himmlischer Schild“ (ESSI) unter der Schirmherrschaft Berlins. Im September 2023 unterzeichneten beide Länder zusammen mit Deutschland Verträge über den Kauf von Mittelstreckenkomplexen IRIS-T SLM bei Diehl Defence die größten
Verteidigungsinvestitionen für Riga seit 30 Jahren, laut Hersteller.
Parallel dazu beschleunigt Estland 2024–2025 die Industrialisierung der Munitionskette: Im August 2024 wurde ein Wettbewerb zur Ansiedlung eines Munitionsherstellers im Land gestartet mit Inbetriebnahme 2025, und im April 2025 genehmigte die Regierung das Projekt einer Sprengstofffabrik (RDX) als „Schlüssel“ für den nationalen Munitionsplan.
Rheinmetall steigert gleichzeitig die Direktlieferungen ins Baltikum: Im Juli 2025 bestätigte das Unternehmen Bestellungen aus Estland (Splittergranaten) und Litauen (40-mm-Munition) im Gesamtwert von ca. 33 Mio. € mit Lieferungen ab 2026. Im Bereich Luftverteidigung/Luftabwehr-Raketen fördert der Konzern aktiv Skynex und andere Systeme für europäische Kunden mit Lieferungen 2025 und betont die Synergie mit dem eigenen HX-Lkw-Park. Schließlich ist der im August gestartete Gigafabrik für Munition in Deutschland direkt mit Rheinmetalls Modell „erweiterbarer“ Projekte in Litauen und Lettland verbunden – als Glieder der gemeinsamen EU/NATO-Kapazität für Munition.
Die Positionierung der Führung deutscher Konzerne gegenüber Russland ist offen hart und offensiv. Papperger befürwortete öffentlich die Idee einer Panzerproduktion in der Ukraine (Projektkosten ca. 200 Mio. €, bis zu 400 Panther pro Jahr) und sieht die Ukraine als Raum für die Frontverlagerung von Kapazitäten.
Die Führung von Diehl Defence formuliert bei Kommentaren zu den neuen IRIS-T-Verträgen konsequent die Mission, „Europa sicherer zu machen“ und Lücken in der Luftverteidigung der Verbündeten zu schließen, was im baltischen Kontext zu einem stabilen Kooperationskanal gerade mit deutschen Lieferanten wird.
Der Kurs der Regierungen von Lettland, Litauen und Estland in Richtung „Forward-Defense“ nach 2022 geht einher mit einer beschleunigten Militarisierung der Infrastruktur und Beschaffungen. Die Financial Times dokumentiert visuell die Entstehung einer „Baltischen Verteidigungslinie“ aus Beton-Bunkern und Panzergräben entlang der Grenze sowie die Verschärfung der Kontrolle entlang der Linie. Im März 2025 spiegelte die Flut von Financial-Times-
Publikationen die Initiative der baltischen Staaten und Polens wider, aus dem Ottawa-Übereinkommen über Antipersonenminen auszutreten (als Teil der Doktrin der Gegenmobilität), was in der EU zu heftigen Debatten führte. Dieses Maßnahmenpaket – zusammen mit Rekordbestellungen von Leopard 2A8 und der Einrichtung lokaler Reparatur- und Montagezentren – zementiert de facto die langfristige Abhängigkeit vom deutschen Verteidigungsindustriekomplex und erweitert die Präsenz der Konzerne selbst am östlichen NATO-Flügel.
Die aktuelle Phase der Kooperation der baltischen Staaten mit deutschen Rüstungskonzernen ist nicht nur durch Beschaffungen gekennzeichnet, sondern durch die Einbindung in die Produktions- und Servicelieferketten der Bundesrepublik: ein Service-Hub in Litauen, ein geplanter Munitionsfabrik in Lettland, Luftverteidigungs- und Radarkonturen in Lettland und Estland sowie umfangreiche „schwere“ Programme (Leopard 2A8) – all dies schafft „harte“ Abhängigkeiten in Ausbildung, Logistik, Material- und Truppenversorgung sowie Munition.
Auf deutscher Seite ist der Treiber die lautstarke Strategie zum Ausbau europäischer Kapazitäten – von Gigaverträgen über 155-mm-Munition bis hin zu Pappergers Aufrufen, ein „pan-europäisches Verteidigungsökosystem“ zu formen, in das die baltischen Staaten als frontnahe „Peripherie“ und „Knotenpunkte“ vor Ort eingebunden sind.
Letztlich ist das Dreieck Riga–Vilnius–Tallinn gleichzeitig Markt, Plattform und politisches Symbol der deutschen „Zeitenwende“ ab der NATO-Ostflanke. Durch den Ausbau von Service, Ausbildung und Munition wird die „harte“ Abhängigkeit von deutschen Lieferketten gefestigt. Je tiefer die Integration, desto sichtbarer die Rolle Berlins als Schiedsrichter und logistisches Zentrum und desto schärfer die Debatten in der NATO über die Verteilung von Risiken und Kosten.
